MEIN HERR UND MEIN GOTT



Dieser Ruf zu Gott verbindet den Apostel Thomas mit unserem Landespatron Bruder Klaus und ist zugleich intensiver Ausdruck eines Hilferufs heutiger Menschen. Wir erinnern uns: Der Jünger Thomas sagte zu den andern: «Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.» Acht Tage später gab es für ihn die unerwartete Begegnung mit Jesus und dessen Aufforderung: «Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!» Und Thomas konnte nichts anderes über die Lippen bringen als «Mein Herr und mein Gott!» So übermittelt es uns die Heilige Schrift. Jesus kommentiert dies trocken mit: «Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.»

Im katholischen Kirchengesangbuch findet sich bei der Nummer 546 ein schlichtes, aber wunderbares Lied. Unzählige beten und singen dieses Gebet, das unserem Landespatron Bruder Klaus zugeschrieben wird. Von jung bis alt. Es ist eine etwas abgewandelte Variante jener, die als älteste Fassung gilt und um 1500 vom Literaturprofessor Kurt Ruh aus Würzburg wiederentdeckt wurde. Im Lied heisst es: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führet zu dir. Mein Herr und mein Gott, o nimm mich mir und gib mich ganz zu Eigen dir.» Die Melodie ist von Hans Puls. Was im ursprünglichen Text zuerst zu lesen war und jetzt den Schluss des Liedes bildet, nämlich: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir» gibt sicherlich all jenen, die wahrhaft den Text in seiner Tiefe beten, zu denken. Auch Bruder Klaus hat gedacht. Er hat viel nachgedacht. Und viel gebetet. Und in diesem Beten und Denken ist er zu jenem Schluss gekommen, der uns nachdenklich zu stimmen vermag, weil er so radikal und fordernd ist. Wir sollen uns vollends selbst aufgeben und uns selbst verlassen, um ganz in Gott, in seiner Liebe, in seinem Sein wiederaufzutauchen. Loslassen – ein Wort, das hier angebracht ist. Sich loslassen und ganz vertrauen auf den, der uns erschaffen hat, der uns gewollt hat, so wie wir sind und der uns so liebt, wie wir sind.

Thomas hatte etwas, was uns allen fehlt: Er sah Jesus. Er sah in reden, lachen, schimpfen und lieben. Und er spürte eins zu eins, was der Sohn Gottes mit seinem himmlischen Vater verband. Und – er erlebte den Tod und die Auferstehung seines Freundes, seines Herrn und Meisters. Und doch konnte er erst glauben, als er sah. Bruder Klaus hat dies nicht so erlebt. Aber er hatte die Gnade zu glauben, ohne zu sehen. Er hatte die Fähigkeit, in sich den Ruf Gottes zu hören bewahrt, trotz seiner damaligen Herausforderungen, die alles andere als einfach waren. Dabei ist nicht allein das Verlassen von Frau und Kindern angesprochen.

Und wir heute im Jahr 2020, mitten in der Covid-19-Unruhe? Viele von uns erleben kleinere und grössere Wunder im Alltag. Manche entdecken erst durch die aktuellen Umstände eine tiefere Dimension ihres Daseins. Viele entdecken gar zum ersten Mal, dass da etwas Grösseres zu uns spricht, als wir es gewohnt sind, zu hören. Und manche finden jetzt heraus, wie man mit Gott sprechen kann, ohne ihn zu sehen. Das ist schön. Es ist gut und lässt hoffen. Andere bleiben beim Vorwurf stehen, wo denn seine Hilfe sei. Auch das ist je nach Sichtweise begreiflich und verständlich. Thomas ging uns allen darin voran. Aber auch er kam vorwärts.

Guido I. Tomaschett Diakon

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